Die Gemeinschaft (1/7) – Ein Neuanfang
Hausnummer 22: Die Neue
Es war perfekt.
Mein Häuschen, mein kleiner Garten und keiner, der - nein, ich würde nicht an Jan denken. Dies war ein Neuanfang.
Mein Neuanfang.
Über mir der blaue Himmel, die kleine ruhige Straße. Mein zukünftiges Reich lag in einer ruhigen Vorortsiedlung. Vieles gleich, um ordentlich auszusehen, aber individuell genug, gemütlich zu sein. Rechts blühende Rosen, links aufeinander abgestimmt Kies, Steinplatten und Metall. Bei mir standen ein Busch und ein kleines Vogelhäuschen. Der Vorbesitzer hatte es zurückgelassen. Es gefiel mir. Im Herbst würde ich Vogelfutter kaufen.
Neben der Haustür ein kleines Fenster, daneben das große Küchenfenster. Noch ohne Gardinen. Brauchte ich Gardinen? Oder lieber einen Sichtschutz? Aber warum eigentlich? Im schlimmsten Fall würde ein Nachbar sehen, dass ich kochte.
Ich hatte recherchiert. Die Einbruchsquoten der Siedlung lagen unter dem Durchschnitt. Die Siedlung grenzte an das Gelände einer stillgelegten Poststation. Das Haus stand in einem sicheren Bereich. Kein Stollen darunter, keine Erdgasspalten, keine ehemalige Giftmülldeponie und keine Begräbnisstätte. Sicher ist sicher. Jan hatte sich immer darüber lustig gemacht, dass ich alles plante und abcheckte. Aber Jan war nicht mehr hier. Und ich begann neu.
Einer der Möbelpacker rief „Wohin mit dem da?“, er zeigte auf die Kommode.
„Ich komme“.
Hausnummer 21: Familie Schönberg
Später würde sie zu ihrem Mann sagen, das war der Tag, an dem es wieder begann.
Jetzt aber blickte sie nur neugierig zwischen den Gardinen hinüber und beobachtete, wie die Neue einzog.
Eine von diesen, die irgendwo dazwischen sind. Nicht jung, aber auch noch nicht alt. Nicht die, die Männer durcheinanderbrachte, aber auch nicht die, die Enkelkinder im Garten toben ließ.
Apropos, sie schien auch keine Kinder zu haben. Und auch keinen Mann. So wie sie mit den Möbelpackern umging, suchte sie auch keinen.
Blubbernd machte sich die Soße bemerkbar. Schnell lüftete sie den Deckel und drehte die Temperatur herunter. Die brauchte noch ein paar Minuten, dann wäre sie fertig. Sie rührte die Nudeln um und sandte eine Nachricht über das Handy in die Familiengruppe: „Essen 4 min“.
Dann trat sie wieder ans Fenster.
Hausnummer 24: Herr Moosenhein
Der große LKW parkte genau vor seinem Küchenfenster. Dahinter ein kleiner blauer VW. Eine Frau kletterte hinaus, griff eine große Tasche und begrüßte die Männer, die schon die Türen des Anhängers geöffnet hatten und die ersten Kisten heraushoben.
Sie sah nicht so aus, als würde sie Schach spielen. Er seufzte. Schade, er hätte sich über Gesellschaft gefreut. Vielleicht hatte sein Enkel doch recht und er sollte sich überlegen, ob er nicht doch seinen Wohnsitz verlegen sollte. Aber was wäre dann mit seinen Bienen?
Er warf noch einen Blick nach draußen, die Frau war nicht zu sehen, die Männer schleppten gerade Teile eines Betts.
Das leise Piepen des Eierkoches verriet ihm, dass der letzte Teil seines späten Frühstücks fertig war.
Hausnummer 22: Die Neue
Später saß ich auf meiner Terrasse.
Im Wohnzimmer hinter mir, die unausgepackten Kisten. Die würde ich nach und nach auspacken. Oben standen das Bett und die Koffer mit den Kleidern.
Es gab genug zu tun, aber niemand, der mich drängte. Ich atmete die frische Luft ein.
Gleich morgen würde ich mir einen Gartenstuhl kaufen. So einen, den man zur Liege umbauen konnte. Langsam kroch die Nachtkälte herauf.
Ich blickte auf das kleine Rechteck vor mir. Es war zu dunkel, um die Pflanzen zu erkennen. Von meinen beiden Besichtigungen wusste ich, dass der Garten gepflegt worden war. Ich kannte Gänseblümchen, Löwenzahn und Klee. Keiner dieser Namen war gefallen, als die Maklerin die Beschreibung heruntergerasselt hatte.
Ich stellte mir vor, wie hier bald meine Blumen blühen würden, sah mich Salat ernten und mit Sonnenhut und Gartenschere bewaffnet mein kleines Paradies heranziehen. Ich hatte keine Ahnung vom Gärtnern. Aber wie schwer konnte das schon sein?




Oh wie schön. Ein neuer Start in einer, für meinen Geschmack etwas zu fürsorglichen, neuen Nachbarschaft.