Die Gemeinschaft (7/7) – Der Sonntag
Hausnummer 22: Frau Weslang
Etwas schabt über den Beton.
„Vorsicht!“ Die Stimme des Mannes klingt ängstlich.
„Helft Frau Feehling. Schnell!“ Eine Frauenstimme.
Lady kläfft und bellt aufgeregt.
„Das wird nichts. Fasst hier mit an!“
Plötzlich scheppert etwas laut.
„Verdammt, passt doch auf!“
„Wo soll das hin?“
„Hier, hier bietet es den meisten Schutz.“
„Mama, Mama ich hab Wuschel verloren!“ Die Kinderstimme dringt hell durch die Geräuschkulisse hoch in mein Schlafzimmerfenster.
Ich muss jetzt auch hinunter. Ich muss mithelfen.
Hausnummer 24: Herr Moosenhein
Die Gläser stehen aufgereiht, die Etiketten sind korrekt beschriftet. Er hat es dreimal überprüft. Vorsichtig legt er die Behälter in den Korb. Zur Sicherheit jeweils mit Geschirrtüchern getrennt. Auf dem Weg darf nichts kaputt gehen. Jeder muss eins bekommen. Auch für Frau Weslang hat er eines vorbereitet.
Hausnummer 18: Ehepaar Cigdem
Herr Cigdem betrachtet das Foto. Seine Frau tritt zu ihm und legt ihm die Hand auf die Schulter.
„In diesem Jahr wird keine Schnecke an Deine Kürbisse gehen. Die Hochbeete sind gesichert. Bitte mach Dir keine Sorgen“. Er nickt, wirft einen letzten Blick auf das Bild und rollt zur Haustür. Sie folgt ihm mit einer großen Box unter dem Arm.
Hausnummer 20: Dr. Heinz Rogaczek und Gattin , Anwalt im Ruhestand
„Heinz? Heinz! Komm schon, wir müssen los. Beeil Dich“.
Hausnummer 21: Herr Merten
Herr Merten tritt auf die Terrasse und ruft. Hier, ich hab das Gas für die Luftballons. Alma, fasst Du mal mit an?
Frau Cigdem eilt zu ihm.
Auf dem Gelände der stillgelegten Fabrik
Klapptisch, Tapetentische, alles wild durcheinander. Stühle, Kisten, sogar eine alte Hollywoodschaukel. Alles ist herangeschleppt worden.
Ich staune. So hatte ich mir ein Nachbarschaftsereignis nicht vorgestellt. Die Broschüre hatte von Gemeinschaft und Essen gesprochen, aber nicht von der Begeisterung, die überall in der Luft liegt und von dem Spaß, den ich haben würde.
Ich sitze zwischen Frau Feehling und Sam.
„Ach Kindchen, greif doch zu. Wir haben wie immer viel zu viel. Seitdem Herr Merten sich um das Essen kümmert, haben wir auch für den nächsten Tag immer noch genug.“ Ich nicke und nehme mir noch etwas Kartoffelsalat. Neben meinem Teller steht das kleine Gläschen mit Honig von Herrn Moosenhein. Ich bin noch immer ganz gerührt.
„Kindchen, der Sam, der kennt sich wirklich aus. Nach unserem Heckenbrand, Du weisst schon, wegen den Raupen, hat er uns mal zur Seite genommen und die ganzen Sicherheitsbestimmungen erklärt. Na, da hätt wer weiss was passieren können.“
Von links mischt sich Frau Rogaczek ins Gespräch. „Ach, da hätten Sie doch einfach mal unsern Gärtner fragen können, der weiss doch was zu tun ist.“ Sie bemerkt den entsetzten Blick von Herrn Moosenhein gegenüber. „Keine Sorge, rein pflanzlich natürlich. Etwas mit Brennnessel glaub ich.“
Herr Merten kommt an unseren Tisch. „Haben Sie das mit dem Streamer gehört? Der hat doch hier tatsächlich einen Film drehen wollen. Auf Privatgelände! Gut, dass wir damals alle zusammengelegt haben.“
Ich nicke und erinnere mich an meinen Vertrag: „Landfläche ohne wirtschaftliche Verwendung, deren regelmäßige Nutzung der Zustimmung aller Vertragsparteien bedarf“ hatte da gestanden. Auf Nachbarschaftsfeste wäre ich nicht gekommen. Da hatte sicher Herr Rogaczek seine Hände im Spiel. Seine Fähigkeiten als Anwalt betonte seine Frau ja gern und ausführlich. Herr Moosenhein wirft ein: “Ich habe gehört, er wäre gestolpert und musste fast ins Krankenhausgebracht werden. Bestimmt hätte er dort einen spannenderen Film drehen können."
Ich blicke mich um. Die Natur holte sich den Ort langsam zurück, überall krochen Ranken durch die Risse und Löcher und Gras aus dem gebrochenen Beton. Wir sitzen in einer kleinen grünen Oase.
Ich denke an mein Häuschen und auch ein bisschen an Jan und während Frau Schönberg auf die Suche nach Wuschel geht, Lady die Brombeerbüsche untersucht und langsam der Nachmittag in den Abend übergeht, merke ich, dass ich meinen Platz gefunden habe.


